23andMe könnte höheres Kaufangebot als Regenerons 256 Millionen Dollar erhalten
Von [Ihr Name], Wirtschaftsjournalist
Die genetische Testfirma 23andMe, einst ein Pionier der consumer-facing DNA-Analyse, steht möglicherweise vor einer entscheidenden Wende in ihrem Insolvenzverfahren. Nach Angaben aus Gerichtskreisen hat das Unternehmen die Chance, ein höheres Kaufangebot als die bisherige Offerte des Biotech-Riesen Regeneron in Höhe von 256 Millionen Dollar zu erhalten. Dies geht auf die Intervention von Anne Wojcicki, der ehemaligen CEO und Mitgründerin des Unternehmens, zurück, die beim zuständigen Insolvenzgericht beantragt hat, den Verkaufsprozess neu zu öffnen.
Hintergrund: Der Niedergang eines Vorreiters
23andMe, 2006 von Wojcicki gegründet, revolutionierte den Markt für persönliche Gentests, indem es Verbrauchern direkten Zugang zu Erkenntnissen über ihre Abstammung, Gesundheitsrisiken und genetische Merkmale bot. Die Firma sammelte im Laufe der Jahre eine der größten genetischen Datenbanken der Welt, was sie zu einem attraktiven Partner für Pharmakonzerne und Forschungsinstitute machte. Doch trotz früher Erfolge und Kooperationen mit Unternehmen wie GlaxoSmithKline geriet 23andMe in finanzielle Schieflage.
Die Gründe für den Niedergang sind vielfältig: Ein stagnierender Consumer-Markt, zunehmender regulatorischer Druck im Hinblick auf Datenschutz und die kommerzielle Nutzung genetischer Informationen sowie der Wettbewerb durch günstigere Anbieter ließen die Umsätze schrumpfen. Im Oktober 2023 meldete das Unternehmen schließlich Insolvenz nach Chapter 11 an, ein Schritt, der es 23andMe ermöglichen sollte, Schulden umzustrukturieren und sich neu auszurichten.
Regenerons Offerte und der Widerstand der Ex-CEO
Im Rahmen des Insolvenzverfahrens legte Regeneron Pharmaceuticals, ein in New York ansässiger Biotech-Konzern mit Fokus auf Antikörper-Therapien, ein Übernahmeangebot von 256 Millionen Dollar vor. Regeneron, das bereits seit Jahren mit 23andMe in der Erforschung genetischer Marker für Krankheiten zusammenarbeitet, zeigte vor allem Interesse an der umfangreichen DNA-Datenbank des Unternehmens. Diese enthält Informationen von über 12 Millionen Nutzern und gilt als wertvolle Ressource für die Entwicklung personalisierter Medikamente.
Doch Anne Wojcicki, die trotz ihres Rückzugs als CEO weiterhin erheblichen Einfluss bei 23andMe hält, sieht in der Offerte von Regeneron eine Unterbewertung des Unternehmens. In einem Schreiben an das für den Fall zuständige US-Bundesgericht in Delaware argumentierte sie, der Verkaufsprozess sei „überstürzt“ und „nicht transparent“ abgelaufen. Sie verwies darauf, dass mehrere potenzielle Bieter aufgrund kurzer Fristen und mangelnder Informationen keine Gelegenheit zur Due Diligence hatten. Wojcicki drängt das Gericht nun darauf, den Prozess neu zu öffnen, um höhere Gebote zu ermöglichen.
Warum ein höheres Angebot im Raum steht
Experten zufolge könnte Wojcickis Vorstoß durchaus Erfolg haben. Der Wert von 23andMe liegt nicht nur in seiner Datenbank, sondern auch in seiner Technologieplattform, die es ermöglicht, genetische Daten mit klinischen Forschungsdaten zu verknüpfen. Zudem besitzt das Unternehmen Lizenzen und Patente im Bereich der genetischen Diagnostik, die für Biotech- und Pharmaunternehmen attraktiv sein könnten.
„Die 256 Millionen Dollar von Regeneron reflektieren möglicherweise nur einen Teil des potenziellen Werts“, erklärt Dr. Helena Fischer, eine auf Insolvenzrecht spezialisierte Anwältin aus Frankfurt. „Gerichte sind in solchen Fällen oft offen für Anträge, die eine maximale Rückzahlung für Gläubiger sicherstellen. Wenn es ernsthafte Hinweise auf höhere Gebote gibt, wird der Richter den Prozess wahrscheinlich neu aufrollen.“
Hinzu kommt, dass der Markt für genetische Daten und personalisierte Medizin weiter boomt. Unternehmen wie Roche, Illumina oder auch Tech-Konzerne wie Google Health investieren Milliarden in die Erweiterung ihrer Kapazitäten in diesem Bereich. 23andMe könnte somit zum Zankapfel eines Bieterwettstreits werden, insbesondere da die Datenbank des Unternehmens bereits über einen etablierten Nutzerstamm verfügt – ein Vorteil gegenüber Start-ups, die erst langsam ähnliche Ressourcen aufbauen müssten.
Rechtliche Hürden und nächste Schritte
Das Gericht muss nun prüfen, ob die von Wojcicki vorgebrachten Argumente stichhaltig sind. Sollte der Antrag genehmigt werden, würde der Verkaufsprozess erneut ausgeschrieben, wobei potenzielle Käufer aufgefordert würden, verbindliche Angebote einzureichen. Gleichzeitig laufen bereits Verhandlungen mit Regeneron, die trotz der Unsicherheiten voranschreiten.
Kritiker warnen jedoch vor Verzögerungen. „Ein verlängerter Verkaufsprozess könnte die Liquidität von 23andMe weiter belasten“, gibt Finanzanalyst Markus Weber von der Bankhaus Metzler zu bedenken. „Die Gläubiger haben ein berechtigtes Interesse daran, dass schnell eine Lösung gefunden wird, um weitere Wertminderungen zu vermeiden.“
Interne Dokumente, die dem Gericht vorliegen, deuten darauf hin, dass 23andMe derzeit nur über begrenzte Mittel verfügt, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Sollte kein höheres Gebot eingehen, könnte das Unternehmen gezwungen sein, Teile seines Vermögens, einschließlich der Datenbank, zu zerschlagen und separat zu verkaufen – ein Szenario, das Wojcicki und viele Aktionäre unbedingt verhindern wollen.
Die Rolle der genetischen Datenbank im Fokus
Ein zentraler Streitpunkt bleibt die Nutzung und der Schutz der genetischen Daten. 23andMe versicherte zwar stets, dass personenbezogene Informationen anonymisiert und nur mit ausdrücklicher Zustimmung der Nutzer geteilt werden. Doch Datenschutzexperten wie Prof. Klaus Müller von der Universität Bonn sehen Risiken: „Die Übernahme durch ein Unternehmen wie Regeneron, das primär gewinnorientiert forscht, könnte die Tür für eine kommerziell motivierte Datenverwendung öffnen, die nicht im Interesse aller Nutzer ist.“
Diese Bedenken könnten auch die Bedingungen eines Verkaufs beeinflussen. Sollte das Gericht einem höheren Gebot zustimmen, wäre es denkbar, dass Auflagen zum Datenschutz oder zur zukünftigen Nutzung der Datenbank eingefordert werden.
Was kommt als Nächstes?
Die Anhörung zum Antrag von Anne Wojcicki wird in den kommenden Wochen stattfinden. Unabhängig vom Ausgang markiert der Fall einen kritischen Moment für die Biotech-Branche, in der die Balance zwischen Innovation, Datenschutz und Profitabilität zunehmend unter Druck gerät. Für 23andMe geht es nicht nur ums Überleben, sondern auch darum, ein Vermächtnis zu bewahren, das einst die Art und Weise veränderte, wie Menschen ihre genetische Identität verstehen.
*Bildquelle: WSJ/Im-01946005 (Das Bild zeigt eine 23andMe-Filiale in Kalifornien, in der Kunden DNA-Testkits erwerben können.)*Potenzielle Bieter und strategische Interessen
Neben Regeneron könnten auch andere Akteure aus der Pharmabranche oder der Tech-Industrie Interesse an einer Übernahme signalisieren. Gerüchte über eine mögliche Beteiligung von Unternehmen wie Roche oder Alphabet’s Verily halten sich hartnäckig, obwohl offizielle Stellungnahmen bisher ausbleiben. Insbesondere Tech-Konzerne, die bereits in künstlicher Intelligenz und Gesundheitsdaten investieren, sehen in 23andMe möglicherweise eine Chance, ihre Algorithmen mit hochwertigen genetischen Datensätzen zu trainieren. Ein Bieterwettstreit würde nicht nur den Preis in die Höhe treiben, sondern auch die strategische Bedeutung der Datenbank unterstreichen.
Die Bewertung im historischen Kontext
Die Diskussion um die angemessene Bewertung von 23andMe offenbart eine Kluft zwischen der historischen Marktpositionierung und der aktuellen Finanzrealität. Zu Spitzenzeiten wurde das Unternehmen mit über 6 Milliarden Dollar bewertet, bevor es durch Börsenschwächen und sinkende Nachfrage an Wert verlor. Die 256-Millionen-Dollar-Offerte von Regeneron entspräche somit nur einem Bruchteil der einstigen Hoffnungen. Finanzexperten wie Sarah Klein von der Investmentbank Evercore betonen jedoch, dass der aktuelle Preis „die marktbedingten Herausforderungen widerspiegelt, aber nicht das langfristige Potenzial der Datenressourcen“.
Kundensorgen und Datensicherheit
Während sich Investoren und Gläubiger um die finanziellen Folgen sorgen, fragen sich viele der 12 Millionen Nutzer, was mit ihren genetischen Daten geschieht. 23andMe versichert zwar, dass alle Informationen gemäß den bestehenden Datenschutzrichtlinien behandelt werden, doch Unsicherheit bleibt. „Meine Daten wurden einmal verkauft – wird das jetzt wieder passieren?“, fragt Linda Bergmann, eine Kundin aus Hamburg, die 2018 einen Test durchführte. NGOs wie Digital Rights Watch fordern klare gesetzliche Rahmenbedingungen, um die Weitergabe sensibler Gesundheitsdaten an Dritte zu regulieren.
Ein Präzedenzfall für die Branche
Der Ausgang des Insolvenzverfahrens könnte wegweisend für andere Start-ups im Biotech-Sektor sein, die mit ähnlichen Herausforderungen kämpfen. Sollte 23andMe tatsächlich ein höheres Gebot erhalten, würde dies zeigen, dass der Wert genetischer Daten trotz regulatorischer Hürden langfristig steigt. Gleichzeitig könnte ein Zerschlagungsszenario Investoren abschrecken, die in datengetriebene Gesundheitsunternehmen investieren wollen. „Hier geht es um mehr als nur um Geld“, sagt Dr. Felix Bauer, Bioethiker an der Charité Berlin. „Es ist ein Testfall dafür, wie wir mit der Spannung zwischen wissenschaftlichem Fortschritt, Privatsphäre und ökonomischen Interessen umgehen.“
Die Stunde der Wahrheit naht
Bis zur Gerichtsentscheidung bleibt die Lage angespannt. Sollte Wojcickis Antrag abgelehnt werden, dürfte Regeneron die Übernahme rasch abschließen – verbunden mit der Integration der Datenbank in eigene Forschungsprojekte. Gibt das Gericht jedoch grünes Licht für neue Gebote, könnte sich der Prozess um Monate verlängern. Für 23andMe, dessen Laboraktivitäten derzeit auf Sparflamme laufen, ist Zeit ein kritischer Faktor. Mitarbeiter berichten von internen Ungewissheiten, ob Gehälter über den Sommer hinaus gesichert sind.
Eines steht fest: Unabhängig vom Ergebnis wird der Fall 23andMe als Lehrstück in die Geschichtsbücher der Biotech-Industrie eingehen – als Beispiel für die Risiken disruptiver Innovationen, die Komplexität datengetriebener Geschäftsmodelle und die Macht dynamischer Gründerpersönlichkeiten, die selbst in der Krise nicht aufgeben.
[Ihr Name] berichtet seit über einem Jahrzehnt über Insolvenzen und Unternehmensübernahmen im Technologie- und Gesundheitssektor. Zuletzt erschien von ihr das Buch „Datenhunger: Wie Konzerne unsere Gene erobern“.